Konrad Adenauer und Wilhelm Pieck - zwei parallele Leben

Konrad Adenauer und Wilhelm Pieck - zwei parallele Leben
22.01.2014
Senioren Union

Seinen diesjährigen Vortrag bei der Senioren Union Sankt Augustin hat Christopher Beckmann am 22. Januar in der Konrad-Adenauer-Stiftung einem historisch-vergleichenden Thema gewidmet. 35 Mitglieder der Senioren-Union CDU Sankt Augustin und Gäste haben mit Interesse diesen wissenschaftlich angelegten Vortrag verfolgt. Mit einem Abstand von zwei Tagen wurden Konrad Adenauer (5. Januar 1876) und Wilhelm Pieck (3. Januar 1876) - der eine in Köln, der andere in Guben. - geboren. Diese Tatsache reizt dazu, die beiden Lebensläufe zu vergleichen.

Lebensläufe zu vergleichen ist keine moderne Erfindung. Schon Plutarch (45 - 125) hat be­rühmte Gestalten in Bezug gesetzt: z. B. Alexander der Große und Julius Cäsar, Perikles und Fabius Maximus und viele andere. Der Faktor der Persönlichkeit in der Geschichte wurde lange unterschätzt. Strukturelle Faktoren standen im Vordergrund. Heute gibt es mehrere Doppelbiographien. So ist vorbildlich Allan Bullocks Studie „Parallele Leben. Hitler und Stalin“ zu nennen. Parallele Leben berühren sich nicht unbedingt, laufen aber in derselben Richtung. Adenauers und Piecks Leben verliefen parallel, aber mit unterschiedlichem Ab­stand, unterschiedlicher Erfahrung während des Dritten Reiches und mit der deutschen Teilung. Einmal in ihrem Leben haben sich ihre Wege gekreuzt: im Preußischen Landtag. Die Biographie der beiden Politiker verlief in unterschiedlichen Milieus. Beide Politiker kamen aus einfachen Verhältnissen, Adenauer aus einem Handwerkerhaushalt, Piecks Vater war Kutscher. Aber Adenauer hat durch seine Heirat den Aufstieg in den Kölner „Klüngel“ erreicht, stieg zum Beigeordneten und bis zum Oberbürgermeister Kölns auf. Er war ein Vertreter der Kodizes des geschlossenen katholischen Milieus in Deutschland mit der Zentrumspartei.

Pieck war zwar auch katholisch aufgewachsen, hatte sich aber davon gelöst. Nach einer Tischlerlehre ging er auf Wanderschaft und kam dabei in Berührung mit der Arbeiterbewegung, wurde Gewerkschaftsmitglied, trat 1895 der SPD bei, in der er in Bremen hauptamtliche Karriere machte und eine enge Verbindung zu Friedrich Ebert pflegte. 1918 wird er Mitarbeiter von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, wird Gründungsmitglied der KPD. Bei der Verhaftung von Liebknecht und Luxemburg gelingt Pieck die rettende Flucht. 1921 – 1928 war er Mitglied des Preußischen Landtags für die KPD, danach bis 1933 im Reichstag. 1930 – 1932 sitzt er zusammen mit Adenauer im Preußischen Staatsrat. Ab 1921 machte er eine Spitzenkarriere in der Kommunistischen Internationalen. Der Politik Stalins hat er sich unter­worfen. Seine Spitznamen waren „Teddy“ und „Ausgestopfter Papagei“. Nach der Machter­greifung Hitlers emigrierte er nach Paris, überlebte das Dritte Reich in Moskau. Mitte 1945 kehrte er mit den Instruktionen Stalins in die SBZ zurück und leitete die Zwangsvereinigung von KPD und SPD ein. In der Folge wurde Ulbricht der starke Mann und Pieck in das Amt des Staatspräsidenten ab 11.10.1949 abgeschoben. Er hat als biedermännischer Repräsentant dem Amt, das nach seinem Tod am 07.09.1960 abgeschafft wurde, keine Bedeutung geben können.

Adenauer und Pieck waren Exponenten unterschiedlicher sozialer Lebensbereiche, dies geht aus ihren Lebensläufen deutlich hervor. Solche Milieus sind über Jahrzehnte in Deutschland prägend gewesen.

So ist der Gegensatz zwischen dem jovialen dicken Pieck und dem hageren, pflichtbewussten Adenauer bedeutsam geworden, Adenauer leistungsfähig bis ins hohe Alter, während Pieck schon ab 1957 physisch abbaute. Der größte Wahlerfolg Adenauers war im selben Jahr 1957.

Beide haben ihre politische Karriere begonnen und ihre politischen Funktionen schon über­nommen, als noch der Kaiser regierte. Adenauer hat seinen Erfolg über das Zentrum und den Kölner Klüngel als tüchtiger Oberbürgermeister basiert, während Pieck ein treuer Parteisoldat wurde, der sich dem Führungsanspruch der KPdSU unterordnete.

Ihre Erfahrungen in der Zeit der Nazi-Diktatur waren verschieden. Adenauer ging in die ge­fährliche innere Emigration ohne politisch aktiv zu sein, Pieck hat seine Gefährdung durch die stalinistischen Säuberungen in Moskau überlebt.

Beide Politiker haben nach 1945 den Grundstein ihrer weiteren Karriere durch ihre Arbeit in ihrer jeweiligen Partei gelegt.

Beide gewannen nach 1949 ganz erheblich unterschiedliche staatliche Funktionen. Adenauer gestaltete die Politik, nur gegen Ende seiner Kanzlerschaft wurde er mehr exekutiv. Pieck blieb nur eine repräsentative Figur, die nicht mit Heuss zu vergleichen ist. Kennzeichnend ist ein Sprichwort, das in der DDR verbreitet wurde: „Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille“, was auf Ulbricht, Pieck und Grotewohl verwies.

Adenauer entstammte der nationalkonservativen Umgebung. Er hat das katholische Milieu mit den evangelischen Christen zusammengeführt zur CDU und hat damit Mehrheiten geschaffen. Pieck hat keine Milieus zusammengeführt.

Die Unterschiede zwischen Adenauer und Pieck sind eklatant. Sie zeugen von der Vielge­staltigkeit deutscher Lebensläufe im 20. Jahrhundert. Beide hatten ganz unterschiedliche Aufstiegsgeschichten.

(Manfred Rabeneick)